Fichtennadelsirup – löffelweise Frühsommer für Körper, Geist und Seele

Der Duft von Fichtennadeln hat doch etwas Gesundes, Tröstliches an sich, finden Sie nicht auch? Vor allem dann, wenn die Nase beinahe zu ist, der Hals sehr rau und trocken und der Schädel buchstäblich brummt. Im Frühsommer mag man angesichts der lauen Temperaturen und des zarten Grüns gar nicht daran denken, dass solche Zeiten wieder kommen könnten. Kräuterfans planen jedoch gern vorausschauend: Kochst du Fichtennadelsirup im Frühjahr, hast du chemiefreie, leckere Medizin in der kalten Jahreszeit. An dieses Prinzip halte ich mich, seitdem mich eine Bekannte vor ein paar Jahren auf die Idee brachte, mich selbst einmal an der Herstellung dieses traditionellen Hustensafts zu versuchen.


Seitdem mache ich ihn immer wieder gerne und verwandele die ganze Wohnung dabei duftmäßig in eine Sauna mit Fichtennadelaufguss. Hätte mir das jemand  über den Unterlagen zur Systematik der Nadelbäume im Bio-Leistungskurs geweissagt, hätte ich denjenigen vermutlich für verrückt erklärt. Aber immerhin ist mir seit jenen Tagen der lateinische Name der Gemeinen Fichte unauslöschlich ins Hirn eingebrannt: Picea abies. Das mag in die Kategorie des unnützen Wissens fallen, aber ich habe festgestellt, dass ein lateinisches Restwissen bei der Erforschung der heimischen Kräuterwelt durchaus hilfreich sein kann. 😉

Die Fichte ist in unseren Breiten das häufigste Nadelholz und hat traurigen Ruhm erlangt, weil sie über Jahrzehnte hinweg in Monokulturen angebaut wurde, von denen einige zumindest teilweise den Orkantiefen der letzten Jahre zum Opfer gefallen sind. Die Bäume sind nach etwa 80 Jahren schlagreif und deshalb für den Waldbauern relativ schnell ertragreich, können aber einige hundert Jahre alt werden, wenn man sie lässt. In naturnahen Wäldern findet man durchaus riesige Exemplare mit beeindruckenden Stammdurchmessern. So manche Fichte wurde schon für eine Tanne gehalten und umgekehrt, was vielleicht auch daran liegt, dass der Volksmund sie gern als „Rottanne“ bezeichnet. Deshalb noch mal kurz zur Erinnerung: Im Gegensatz zu Tannennadeln stehen die Fichtennadeln rund um den Ast herum und sind stachelig-hart; Tannennadeln sind im Vergleich dazu weich und biegsam. Betrachtet man den ganzen Baum, sind die Zapfen das auffälligste Unterscheidungsmerkmal: Bei der Fichte hängen die Zapfen von den Ästen herab, während sie bei der Tanne aufrecht stehen. Was wir für Tannenzapfen halten sind übrigens eigentlich Fichtenzapfen: Tannenzapfen zerfallen nämlich am Baum und fallen deshalb nicht im Ganzen auf den Boden.

Der Fichtenaustrieb erfolgt im Mai/Juni und ist leicht an den puschelig-weichen hellgrünen Trieben am Astende zu erkennen.
Fichtentrieb

Zugegeben, das allererste Kosten hat mich damals irgendwie Überwindung gekostet. Ich bin zwar kulinarisch aufgeschlossen, trotzdem kam ich mir komisch vor. Kräuter, Blätter, Blüten, alles ganz klar einzuordnen, aber Triebe von einem Baum?! Aber wenn Rehen sowas schmeckt – und die sind wirklich sehr wählerisch, was ihre Kost angeht! – , kann es so schlimm doch nicht sein, dachte ich mir. Sieht ja auch keiner zu. Also einfach mal so einen Puscheltrieb zupfen und kauen. Aha, der schmeckt zitronensäuerlich mit einer süßen Note und gleichzeitig wunderbar aromatisch-harzig. Gar nicht schlecht! Man könnte sicher auch Salate gut mit diesen Maitrieben aufpeppen; das habe ich allerdings selbst noch nicht ausprobiert.

Fichtentriebe bzw. Fichtennadeln sind unter anderem reich an Vitamin C und ätherischen Ölen, die schleimlösend wirken und die Atemwege befreien. Ich habe eine Fülle an Rezepten mit Zucker oder Honig im Internet gefunden; mein Lieblingsrezept ist allerdings eins von Eva Aschenbrenner.

Die Herstellung braucht ein wenig Zeit und Geduld, weil die Triebe mehrfach aufgekocht und wieder abgekühlt werden müssen, aber das kreative Tun gehört zum Prozess und wirkt auch auf eine Art heilend, finde ich. Das Ergebnis spricht jedenfalls für sich: Der Sirup schmeckt ausgezeichnet, hat eine schöne Farbe, ist sehr aromatisch und dabei nicht zu süß. Er wirkt gut bei festsitzendem Husten und dürfte auch Kindern eine angenehme Medizin sein. Ich nehme ihn bei Bedarf löffelweise pur oder im heißen Tee.

Wenn dann aus der heißen Teetasse dieser einzigartige Duft aufsteigt, stehe ich ganz schnell in Gedanken auf einer sonnenbeschienen Lichtung im Fichtenwald. Erholung pur für Körper, Geist und Seele!

Noch ein Hinweis: Fichtentriebe sollte man vorzugsweise von den Bäumen im Garten nehmen, so man hat. Im Wald am besten nur mit Erlaubnis des Waldbesitzers sammeln (es ist nämlich verboten), und dort auch nur von ausreichend großen Pflanzen. Auf keinen Fall den Haupttrieb abzwicken und nicht zu viele Triebe vom gleichen Baum zupfen, um das weitere Wachstum nicht zu schädigen!

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17 responses to this post.

  1. Posted by Petra Reek on 4. April 2013 at 13:12

    Hallo,ich hätte gerne gewußt wie die Herstellung des Fichtennadelsirups geht.(wie viele Nadeln,wie viel Wasser und Zucker und wie lange kochen).LG Petra

    • Posted by Doris on 6. April 2013 at 15:02

      Hallo Petra,

      ich hab’s so ungefähr nach dem unten angegebenen Rezept gemacht, das man natürlich auch halbieren kann, wenn man nicht so viel Sirup kochen möchte.

      4 Hände voll Fichtennadelspitzen
      (Achtung, bitte unbedingt von mehreren Bäumen sammeln, damit der Baum nicht zu sehr leidet!)
      1 l Wasser
      1 kg Zucker

      Fichtennadeln in Wasser geben und über Nacht stehenlassen.

      Am nächsten Tag kurz aufkochen, vom Herd nehmen und über Nacht abkühlen lassen. Die Fichtennadeln dann durch ein Tuch gießen, Tuch gut ausdrücken.
      Das Fichtennadelwasser mit dem Zucker vermischen und unter gelegentlichem Rühren zu Sirup einkochen (Dauer: 2 Stunden und mehr). Den Sirup anschließend in saubere Flaschen abfüllen und noch heiß verschließen.

      Gutes Gelingen!

      Viele Grüße,
      Doris

  2. Posted by Petra Reek on 7. April 2013 at 14:28

    Besten Dank,habe mich sehr gefreut.
    LG Petra

  3. Posted by Dagmar Bilke on 13. Mai 2013 at 21:33

    Guten Abend Doris,
    habe das Rezept aus der Landlust nachgekocht; jedoch nicht so eine schöne dunkle Farbe des Sirups erhalten. Die Farbe meines Sirups ist goldgelb. Habe ich etwas falschgemacht?
    Liebe Grüße Dagmar

    • Posted by Doris on 15. Mai 2013 at 09:10

      Hallo Dagmar,
      das Originalrezept aus der LandLust habe ich nicht gefunden, aber wie gesagt – über die Farbe würde ich mir keine Sorgen machen. Es kann auch sein, dass ich damals braunen Kandiszucker genommen habe, das weiß ich nicht mehr so genau. Ist im Endeffekt auch egal, denn Dein Sirup ist bestimmt prima geworden. 🙂 Darf ich fragen, wie lange Du den eingekocht hast? Meiner ist nämlich gar nicht so dickflüssig geworden. Da glaube ich eher, dass ICH was falsch gemacht habe. 🙂

      Viele Grüße,
      Doris

  4. Posted by Dagmar Bilke on 13. Mai 2013 at 21:34

    Wäre toll, wenn ich auf meine Fragen eine Antwort erhalten würde.

    • Posted by Doris on 14. Mai 2013 at 09:13

      Hallo Dagmar,
      ich kenne das Rezept aus der Landlust jetzt nicht, müsste ich noch nachlesen, aber Du hast bestimmt nichts falsch gemacht. Wenn der Sirup gut duftet, ist das bestimmt alles in Ordnung! Ich lese das Rezept aber gerne noch nach. 🙂

      Viele Grüße,
      Doris

  5. Ich habe heute Fichtennadeln gesammelt,sie schichtweise-Kristallzucker-Triebe in ein Glas gegeben und auf die Fensterbank gestellt,man sollte 4-6 Wochen Geduld haben,ich kann mich nur dunkel an das Rezept erinnern,hat das so schon mal wer probiert?

    • Posted by Doris on 15. Mai 2013 at 09:29

      Hallo Rainer,
      das ist dann Maiwipferlhonig oder Fichtenspitzenhonig, oder? Da gehen die Bezeichnungen ziemlich durcheinander und die Rezepte sind auch oft eher Rezepte für Sirup. Leider weiß ich auch kein ganz genaues Rezept für diese Zubereitungsart bzw. ich weiß nicht, wie es nach dem Stehenlassen genau weitergeht. Auf jeden Fall durch ein Tuch oder ein engmaschiges Sieb abseihen, soviel ist klar, aber ob man die Flüssigkeit dann einkochen muss, kann ich leider nicht sagen. Weiß das jemand?

      Viele Grüße,
      Doris

  6. Posted by matanai on 20. Mai 2013 at 19:23

    Hallo, ich bin gerade auf der Suche nach Fichtennadelrezepten auf diese Seite gestoßen. Ich kenn das mit dem Schichten von Spitzwegerich. Da sammelt man die Blätter, füllt alles schichtweise mit Zucker in ein Glas und dann muss das Ganze aber dunkel 4-6 Wochen stehen gelassen werden. Manche buddeln die Gläser sogar ein, wegen der gleichbleibenden Kühle. Nach der angegebenen Zeit ist in dem Glas eine sirupartige Masse. Im Grunde sofort einsatzfähig nach dem absieben. Man kann den Sirup aber auch nochmal aufkochen, oder auf 70 °C erhitzen wegen der Keime. Aber Vorteil dieser Herstellung ist ja der kochfreie Vorgang. So erhält man alle guten Stoffe (vor allem Vitamine) der Pflanze, die beim Kochen kaputt gehen. Diese Art von Sirup hält sich aber nur durch den Zucker und kann schneller mal schimmeln (ist aber generell auch ein Jahr haltbar).
    Ich fand aber den so von mir hergestellten Spitzwegerichsirup immer den besten!!
    Und ich kann mir gut vorstellen, dass es mit Fichtennadeln genauso funktioniert.

    Lg

    matanai

    • Posted by Doris on 20. Mai 2013 at 19:30

      Hallo matanai,
      vielen Dank für Deinen Kommentar und Dein Rezept-Tipp. Nimmst Du den Spitzwegerich dann als Hustensirup her? Ich kann mir auch gut vorstellen, dass das so funktioniert, wie Du das beschrieben hast. Im Grunde kann mit dem Zucker ja auch gar nicht viel passieren, der konserviert ja eigentlich alles. Vermutlich müssen die Fichtentriebe nur trocken sein. Ich vermute, dass Wasser das Ganze zum Kippen bzw. zum Gären bringen könnte.

      Viele Grüße,
      Doris

  7. Hat dies auf tollebella mitten im leben rebloggt und kommentierte:
    Liebe Besucher meines Blogs, die Fichten haben gerade noch ihre jungen hellgrünen Spitzen – genau richtig für einen leckeren Fichtennadelsirup.

  8. […] wieder nicht mehr. Es hilft nichts, abwarten und Tee trinken mit einem ordentlichen Schuss Fichtennadelsirup drin. Das schmeckt, tut gut und inspiriert mich zu Überlegungen in Richtung selbstgemachter […]

  9. Posted by daggi on 23. Juli 2015 at 02:05

    also ich mache den fichtenspitzenhonig so:
    fichtenspitzen mit honig(er sollte flüssig sein) schichten (am besten in einem großen gurkenglas).
    das glas bis mitte Juni stehen lassen und 1x die woche umdrehen.
    dann den honig durchsieben und fertig.
    die spitzen kann man mit etwas wasser aufkochen und nochmals abseien ergibt einen gut schmeckenden tee

    • Hallo Daggi,
      danke für das Rezept, das scheint ja recht einfach zu sein. Fichtenspitzenhonig habe ich noch nicht ausprobiert, aber ich kann mir vorstellen, dass der total gut schmeckt. 🙂
      Viele Grüße,
      Doris

  10. Posted by maria on 13. Juli 2016 at 08:07

    hallo sehr gutes Rezept ist sehr gut geworden

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