Flieg, Ahörnchen, flieg!

Es muss nicht immer eine herbstliche Farbenpracht oder ein sattes Frühlingsgrün sein. Nein, auch ohne Blätter kann ein Baum faszinieren. So bietet mir seit einiger Zeit ein Bergahorn in den unterschiedlichen Wetterlagen immer wieder neue Aspekte. Kurz vor dem ersten Advent saß ich auf dem Ahorn-Sitz, einem Hochsitz in besagtem Bergahorn. Wie viele Bäume hat auch dieser Ahorn in diesem Jahr reiche Frucht getragen. Wild gabs keins zu sehen, also hatte ich Zeit für eingehende Betrachtungen der geflügelten Samen, die wie eine frühe Weihnachtsdeko in den Ästen hingen. Ein schönes Bild, das sich im Laufe der Wochen immer wieder leicht verändert hat.

Ahornsamen sind so genannte Spaltfrüchte, die aus zwei rötlich gefärbten Nüsschen bestehen. Im Gegensatz zu Eicheln oder auch Bucheckern wird der Samen beim Ahorn nicht durch Tiere verbreitet, sondern durch den Wind. Jede Nuss hat einen Flügel, der eine ähnliche Wirkung hat wie ein Propeller: Der kleine Hubschrauber fällt nicht einfach auf den Boden, sondern dreht sich um die eigene Achse und erzeugt damit Auftrieb. Dadurch bleibt er länger in der Luft und kann mit Hilfe des Windes größere Entfernungen zurücklegen. Das hat die Natur mal wieder clever gelöst, denn so hat der Samen bessere Chancen, aus dem Schatten des Mutterbaums herauszukommen und einen helleren Standort zum Keimen zu finden. Je nach Ahornart stehen die Flügel in unterschiedlichen Winkeln zueinander; beim Bergahorn ist er beispielsweise kleiner als beim Spitzahorn. Außerdem sind die Nüsschen etwas unterschiedlich geformt und gefärbt. Die Ahornfrucht wird ab September reif und nach und nach vom Wind davon getragen. Die Nüsschen haben es aber nicht eilig – viele Samen bleiben einfach bis zum Frühjahr hängen und fliegen dann sozusagen per Last Minute in die Wärme. Da keimt es sich auch gleich viel leichter. 😉

Vielleicht wachsen einige von ihnen zu großen, starken Bäumen, die irgendwann mal eine Geige zum Klingen bringen. Ahornholz wird nämlich gern im Geigenbau eingesetzt. Das bekannteste Ahornprodukt ist wohl der süße Ahornsirup, der von lebenden Bäumen gezapft wird. Diese Nutzungsart war übrigens im Mittelalter auch in Europa bekannt und verbreitet, doch heutzutage verbindet man maple sirup hauptsächlich mit Kanada und Nordamerika.

Wir hatten heuer hier im Münchner Raum relativ wenige Herbststürme und Regen. Ich nehme an, dass sich die Ahörnchen deshalb so massenweise an ihrem Mutterbaum festhalten konnten und teilweise immer noch dichte Trauben bilden. Zwischenzeitlich sind aber doch die ersten Fröste, Regenschauer und Sturmtiefe übers Land gezogen. Die „Kindergärten“ haben sich sichtlich verkleinert, nur die ganz Hartnäckigen lassen sich noch vom Wind zausen. Na dann – guten Flug und gute Landung, ihr Ahörnchen.


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