Heilkraft aus der Hecke

Bei unserem Einzug vor ein paar Jahren hatte ich noch keine Ahnung, welche Pflanzen wir alle in unserem Garten beherbergen. Da gab es unter anderem einen großen Strauch mit vielen grünen Blättern, die sich im Herbst zu einem schönen Rotton verfärben sollten. Ich dachte, naja, den Blättern nach zu urteilen wird das irgendein Hartriegel sein. Auf die roten, kirschartigen Früchte habe ich gar nicht sonderlich geachtet. Der Groschen ist erst im folgenden Frühjahr gefallen, als die zierlichen gelben Blütendolden vor allen anderen Frühlingsblühern erschienen sind: Na klar, das muss doch eine Kornelkirsche sein.

Nun gehört die Kornelkirsche tatsächlich zur Familie der Hartriegel, also habe ich nicht ganz falsch getippt, aber ohne das blühende Indiz hätte ich den Strauch nicht so schnell einordnen können. Man möge mir meine Ignoranz verzeihen, aber für meine Augen sind die Blätter bei allen Hartriegelsorten elliptisch geformt, spitz, kräftig grün und gegenständig angeordnet. Die bei uns bekanntesten Vertreter Roter Hartriegel, Weißer Hartriegel und eben auch die Kornelkirsche (Cornus mas) werden gern und oft für Gartenhecken und im Landschaftsbau verwendet. Vögel schätzen die Hecken als natürlichen Unterschlupf, egal ob im Garten oder draußen am Feld- oder Waldrand.

Hartriegel, das klingt doch irgendwie nach hartem Holz. Und tatsächlich, vor allem die Kornelkirsche ist für ihr extrem hartes, dichtes und elastisches Holz bekannt. Geschichtliche Aufzeichnungen beweisen, dass Kornelkirschenholz schon im Altertum unter anderem ein beliebter Werkstoff bei der Herstellung von Werkzeugen und auch Waffen wie Speeren oder Lanzen war. Noch beliebter waren allerdings wahrscheinlich schon damals ihre tiefroten Früchte, die zwar Kornelkirschen heißen, aber gar nicht mit der Kirsche verwandt sind. Man nimmt an, dass sie schon früh zur Herstellung eines alkoholischen Getränks vergoren wurden. In Österreich wird heute noch der „Dirndlbrand“ aus Kornelkirschen hergestellt. Nein, falsch geraten, das ist kein Damenlikör, sondern ein Obstler ;-), denn die Österreicher nennen die Kornelkirschen „Dirndl“. Dabei schmecken die Früchte erst mal ziemlich sauer und entwickeln erst mit zunehmender Reife eine angehm süß-säuerliche Fruchtnote, die Marmeladen den richtigen Kick geben kann. Vorausgesetzt, unsere Gartenvögel waren nicht schneller – die lieben die kleinen Vitaminbomben nämlich und verbreiten die Steine in der ganzen Nachbarschaft.

Momentan lese ich das Buch „Die Heilkunde der Hildegard von Bingen“ von Dr. Wighard Strehlow und staune regelmäßig, wie viele Pflanzen Hildegard gekannt und nach ihrer Heilkraft charakterisiert hat. Auch die Kornelkirsche hat sie beschrieben und deren Früchte als hochwirksames Mittel bei Magenleiden empfohlen. Und tatsächlich: Heute weiß man, dass die Farbstoffe zu den P-Vitaminen gehören, und diese Vitaminreihe wirkt erwiesenermaßen entzündungshemmend und heilend auf die Schleimhäute in Mund, Rachen und Verdauungstrakt. Wie haben die Menschen das damals schon wissen können? Waren es einfach Erfahrungswerte? Wahrscheinlich. Wie weit weg sind wir doch heute oft von solch intuitivem und/oder erfahrenem Wissen.

Unsere Kornelkirsche blüht jetzt schon wieder seit ein paar Wochen, leuchtend gelb und noch blattlos. Allmählich vergehen die Blüten, und die ersten Blatttriebe spitzen an den sparrigen Ästen hervor. An sonnigen Tagen wird der Strauch von Bienen und anderen Insekten umschwärmt, und unser Kater benutzt ihn gern als Klettergerüst. An nebligen Morgen leuchten die Blüten durch das Grau und hellen den Tag auf. Und bei Wintereinbrüchen wie am vergangenen Ostersonntag leuchtet das Blütengelb der Kornelkirsche mit dem Schneeweiß um die Wette.

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3 responses to this post.

  1. Das schöne ist, dass Kornelkirschen nicht nur gesund, sondern auch sehr schmackhaft verarbeitet werden können. Ich habe nach dem wunderbaren Buch ‚So schmecken Wildpflanzen‘ mal Kornelkirschenpüree gemacht. Der Hammer! Wenn nur die Fummelei mit den Kernen nicht so mühsam wäre… http://www.multikulinarisch.es/350-kornelkirschen-pueree-bzw-saft.html

    • Posted by Doris on 13. Mai 2012 at 15:31

      Hallo Peggy,

      danke für Deinen Kommentar! Ich habe Deine amüsanten und lehrreichen Kornelkirschen-Erlebnisse gerade gelesen. 🙂 Ich finds toll, wie kulturübergreifend Wildpflanzenerlebnisse funktionieren können. Dein Rezept klingt verlockend. Von einem Schokoladenschnaps habe ich noch nie gehört; diesen Mozart Dry muss ich mir mal genauer anschauen.Gibts den nur in Österreich?

      Viele Grüße,
      Doris

  2. […] Kornelkirschenstrauch trägt reiche Frucht in diesem Jahr, und bisher sind die Vögel noch nicht allzu interessiert. Die […]

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