Kratzbürsten und die Rechtschreibreform

Ich gebe es offen zu – seit der Rechtschreibreform kenne ich mich nicht mehr aus. Was muss man jetzt mit und was ohne Bindestrich schreiben? Muss man überhaupt, oder steht es mir frei zu schreiben, wie es mir gefällt? Oder wie ich finde, dass es besser aussieht? Jedenfalls wäre das mal wieder was für WWM. Ihr kennt das, so manche Kandidaten scheitern bei Jauch schon bei der 2000-Euro-Frage, weil sie sich in die Irre leiten lassen. Er würde also fragen: „Wie schreibt man diese Kratzbürste? a) Ackerkratzdistel, b) Acker-Kratzdistel, c) Acker-Kratz-Distel oder d) Ackerkratz-Distel?“ Jetzt nur nichts überstürzen. Zeit gewinnen. Erst mal ein Schluck Wasser, dann antworte ich, „Also, c) und d) kann ich mit Sicherheit ausschließen. Ich habe da eine Tendenz, aber ….“ Noch ein Schluck Wasser. Und schon würde Jauch versuchen, mich in einen Joker zu quatschen. Was vor dem Fernseher so leicht aussieht, ist als „real thing“ garantiert nicht so einfach. Ohne Baldrian ginge da bei mir gar nichts.

Ob nun mit oder ohne Bindestrich, besagte Pflanze fiel mir bei einem Spaziergang ins Auge und wieder einmal habe ich bewundert, welche scheinbaren Widersprüche die Natur in Einklang bringen kann. Da ist nun diese Pflanze, der Albtraum eines jeden Landwirts und Gärtners, die so kratzig, abweisend und quasi unkaputtbar daher kommt. Das tut sie aber mit wunderschönen Blüten in einem spektakulären Lilaton, der die Bienen vor Freude summseln und tanzen lässt (und den zugehörigen Imker, sofern vorhanden, auch). Und dann, am Ende der Blütezeit, verwandelt die Kratzbürste ihre Blüten in samtweiche Häubchen, die sich streicheln lassen wie im Spätsommer blühende Weidekätzchen.

Cirsium arvense ist ein klassisches „Unkraut“, vielleicht sogar DAS Unkraut schlechthin. Ausrupfen oder ausgraben bringt nicht viel, denn irgendein Wurzelstück bleibt immer im Boden und treibt munter wieder durch. Je mehr man gräbt und die Wurzelausläufer beunruhigt, desto mehr verbreitet sich die Pflanze! Unkaputtbar, sage ich doch.  Die Distel gehört zur großen Familie der Korbblütler und findet sich an Ackerrändern (oder im Acker drin ;-)), Wegrändern, Schuttplätzen – kurz gesagt, überall, wo es einigermaßen nährstoffreich zugeht. Dabei wird sie bis zu 1,50 m hoch und verzweigt sich in die Breite. Man erkennt die Pflanze recht gut an den violett-rötlichen Blütenkörbchen, die einen leicht filzigen Überzug haben. Die Blütezeit ist etwa von Juli bis September/Oktober, und die Samen verbreiten sich ähnlich wie Löwenzahn als Schirmchenflieger.

Hätte ich eine Acker-Kratzdistel im Garten, würde ich sie mir für Wildblumensträuße schneiden statt mich drüber zu ärgern. Die Blätter sind zwar ganz schön stachelig, aber mit Handschuhen und/oder der gebotenen Vorsicht geht das schon. Außerdem unterbindet man so die weitere Verbreitung noch am ehesten. Wie gesagt, bloß nicht graben… Ich habe gelesen, dass man die unverholzten Stängel (ha, neue Rechtschreibung!) auch als Wildgemüse nutzen kann. Da kennen sich Andrea und Martin aber besser aus und können vielleicht ein Rezept beisteuern.

Ja, und wie schreibt man die Pflanze nun? Nachdem die Familie der Kratzdisteln ungefähr 200 Mitglieder hat, würde man vermutlich das „Acker“ hervorheben wollen und deshalb „Acker-Kratzdistel“ schreiben. Man kann es aber auch halten wie der Online-Duden: Der sagt einfach nur „Ackerdistel“. Das nenne ich einen pragmatisch-eleganten Lösungsansatz. Gefällt mir. ; -)

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4 responses to this post.

  1. Hi Doris

    ich halte es so wie in guten alten Zeiten – es gibt keinen Bindestrich bei zusammengesetzten Wörtern. Und da ich mich mit den Stängeln noch nicht beschäftigt habe, kann ich hier nur ein Ackerkratzdistellimonadenrezept beisteuern. Die Blüten (wenn sie noch lila sind und noch nicht so stark geöffnet) haben nämlich einen ganz wunderbaren Nektarduft. Also sammelt man eine Handvoll und gibt sie in Apfelsaft. Vielleicht noch Giersch dazu? Muss aber nicht. Am besten über Nacht ziehen lassen, dann mit Sprudel auffüllen.Genial!

    Grüße!
    Martin

  2. Hallo Doris,

    das mit dem Duft wollte ich auch gerade beisteuern 🙂 Das wissen nämlich die wenigsten (s. a. http://wildeschoenheiten.wordpress.com/2011/06/02/was-duftet-denn-da/)

    Ich persönlich bevorzuge diese Schreibweise: Acker-Kratzdistel 😉

    LG, Heidrun

  3. Hallo Doris,

    nicht nur die Ackerkratzdisteln können in der Küche verwendet werden, sondern auch viele andere. Aus den Früchten der Eseldisteln wurde früher Öl gepresst. Ihre Blütenköpfe kann man wie Artischocken kochen und zubereiten. Das geht ebenfalls mit den Früchten der Nickenden Distel. Deren Stengel können zudem geschält und in Stücke geschnitten zu Gemüse verarbeitet werden.
    Von der Ackerkratzdistel sind die jungen Sprosse und die noch nicht aufgeblühten Köpfchen zu Wildgemüse zu verarbeiten. Außerdem soll man die Wurzeln frittieren können, was ich aber noch nicht versucht habe. Die Blüten sind allerdings auch aufgeblüht für meinen Geschmack ganz lecker und gut zur Deko von Sommersalaten geeignet.

    Außerdem weiß ich, das Kaninchen, Meerschweinchen und Chinchillas Kratzdisteln roh und getrocknet gerne fressen. Ihnen scheint das stachlige nichts auszumachen.
    Bei den Chinchillas ist das kein Wunder, da sie in ihrem Heimatland viele dornige Pflanzen fressen. Bei den Kaninchen wundert es mich etwas…

    Alles Liebe

    Andrea

  4. Hallo Andrea,

    wusste ichs doch, dass Ihr Rezepte auf Lager habt. 🙂 Richtig, das mit dem Ölpressen war mir völlig entfallen. Es gibt ja heute noch Distelöl oder Färberdistelöl zu kaufen. Ob diese Distel mit in die Kratzdistel-Kategorie fällt, weiß ich gerade nicht. Muss ich mal nachlesen.

    Liebe Grüße!
    Doris

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