Zeitlose Versuchung

Herbstzeitlose_Pferd

Hey, halt, stopp! Die kleinen lila Dinger da vorn nur angucken, nicht fressen! Pferde sind ja nicht blöd, aber was weiss denn ich, ob das hier seine Hausaufgaben in der Kräuterschule auch wirklich gemacht hatte und wissen würde, dass die zartlila Versuchung alles andere als gesunde Grünkost sein würde.

Herbstzeitlose_Pferd_nah

Wie so oft im Leben war die Sorge unbegründet. Der große Blonde hatte den richtigen Riecher und hörte auf die instinktive Warnung, an den hübschen Blüten vorbei zu fressen, denn alles, aber auch ausnahmslos alles an der Herbstzeitlosen (Colchicum autumnale) ist und bleibt giftig, auch im Heu. Weidetiere sterben meines Wissens relativ selten an Giftpflanzen, aber es passiert doch immer wieder mal. Im Herbst wird es aber auch tückisch – da steht sowieso nicht mehr viel Fressbares auf den Weiden und schwupps!, hat das hungrige Maul versehentlich eine Giftpflanze erwischt. Ihr Rinder, Pferde, Schafe, Ziegen und sonstige Grasfresser da draussen: Immer Augen und Nase auf beim Grasen, nicht einfach blind rein mampfen! Das gilt auch im Frühjahr und Sommer, wenn die Blätter und Fruchtkapseln der Herbstzeitlosen erscheinen. Im Herbst stellt die „Nackte Jungfer“ nämlich nur ihre betörende Blütenpracht zur Schau, an der man sie wenigstens eindeutig erkennen kann, aber im Frühling ist das eine ganz andere Geschichte. Also: Aufpassööön!

Der lila Giftzwerg kam im Mittelalter als Zierpflanze aus Westasien zu uns und zeigt seitdem idealerweise im Garten das Sommerende und den frühen Herbstbeginn an. In Wiesen und Weiden sehen die Bauern ihn aus verständlichen Gründen nicht gern, doch andererseits spricht sein Erschienen auch Bände über den Boden: Der ist meistens gut feucht und auch ohne künstlichen oder organischen Dünger recht nährstoffreich. Hat man heutzutage auch nicht mehr so oft, und drum findet man die auffällige Pflanze auch nicht überall. In manchen Bundesländern hat sie zumindest schon auf der Roten Liste gestanden oder tut es immer noch. In Norddeutschland kommt die Herbstzeitlose gar nicht vor, glaube ich, aber das können die Nordlichter unter den Lesern sicher noch bestätigen oder dementieren.

Herbstzeitlose

Wieso ist die Herbstzeitlose denn nun so gefährlich? Das reichlich enthaltene Colchicin ist je nach Menge ein absolutes Problem für Mensch und Tier. Die Gärtner werden jetzt allerdings mit den Zähnen knirschen, denn Schnecken macht das Alkaloid überhaupt nichts aus. Ironie des Schicksals? Vielleicht, aber vermutlich einfach ein Trick der Natur, damit die Schleimer im Herbst auch was zu fressen haben. Spaß beiseite, man sollte wirklich aufpassen, vor allem, wenn Kinder die Blüten pflücken und sich danach mit ungewaschenen Händen etwas zu essen nehmen sollten. Die durch Zellschädigungen hervorgerufenen Vergiftungserscheinungen wie Schluckbeschwerden, Brennen im Mundraum, Erbrechen, usw. machen sich erst nach einigen Stunden bemerkbar. Nicht warten, sondern sofort ins Krankenhaus! Im Frühjahr besteht beim Bärlauchsammeln eine gewisse Verwechslungsgefahr mit den Blättern der Herbstzeitlosen; eigentlich sind die Standorte der beiden Pflanzen aber so verschieden, dass sie kaum zusammen auftreten dürften. Wie auch immer, Vorsicht ist bekanntlich die Mutter der Porzellankiste: Zusammen mit den Blättern erscheint die Fruchtkapsel, die an die einer Tulpe erinnert. Und wenn man sich unsicher ist, sollte man sowieso immer die Finger von einem Wildkraut lassen, eh klar.

*Das letzte Foto ist übrigens am Rand der Streuwiese entstanden, von der ich Euch neulich erzählt habe. Ihr seht, die ist gar nicht so tot, wie sie ausgesehen hat. :-)*

**Sorry wegen den mehrfachen Änderungen, aber WordPress  wollte mir die Macht seines Eigenlebens demonstrieren. ;-)**

Advertisements

14 responses to this post.

  1. Posted by Andrea on 13. Oktober 2013 at 12:11

    Hallo Doris,
    Ja die Schnecken. Die fressen ja sogar Fliegenpilze unbeschadet😉.
    In freier Natur habe ich die Herbstzeitlose hier bei uns in Ostfriesland noch nicht gesehen, was natürlich noch lange nicht heißt, das es sie nicht gibt. In dem Kulturpark, den Martin demletzt hier vorgestellt hat, gibt es sie. Aber der war ja früher auch mal Gelände einer Gärtnerei.
    Es ist für mich immer wieder eine Freude, Deine Artikel zu lesen in Deiner ganz eigenen Art geschrieben und fast immer zum😊 schmunzeln.
    Danke dafür!
    Herzliche Grüße von Andrea!

    • Jawoll, hier: http://bit.ly/1einI0D

      Grüße von den Nordlichtern 😉

      • Jawollja, stimmt – das Bild hatte ich ja schon gesehen, fällt mir wieder ein. In Parks werden die Dinger anscheinend echt riesig!

    • Hallo Andrea,

      ja, die sind echt zäh, diese Schneckenviecher! 😉 Eigentlich echt der Wahnsinn, was die alles wegstecken können. Das nötigt mir irgendwie wieder einen gewissen Respekt ab. Ich habe die Tage in einem Kurpark gigantische Herbstzeitlose gesehen, vielleicht kann ich das Bild noch zeigen.
      Danke für Dein liebes Kompliment. Ich freu mich auch immer, wenn ich was von Dir lese. 🙂

      Liebe Grüße,
      Doris

  2. Ich staune immer wieder über die Sensoren von Tieren. Meine Katze Lili zum Beispiel frisst nichts, was ihrem empfindlichen Magen-Darmtrakt nicht bekommt. Sie schnuppert erst ausgiebig (selbst bei ihrem seit Jahren vertrauten Spezialfutter) und erst wenn ihr Näschen okay gibt, wird das Körnchen oder Bröckelchen verspeist.
    Und neulich hat Kater Moritz eine Spitzmaus angeknabbert … das was er geknabbert hat, bekam die Spitzmaus umgehend zurück, so nach dem Motto: hier haste ihn wieder, deinen unbekömmlichen Scheiß .. 😉

    • Hallo Renate,
      Katzen sind vorsichtiger als zum Beispiel Hunde, was ihr Fressen angeht, denke ich. Meistens jedenfalls. Wenn Minnie zu lange ans Futter hinschnuffelt, weiß ich, dass er sich in der nächsten Minute umdreht und wieder geht. Das liegt aber nicht an unbekömmlichen Spitzmäusen im Futter oder gar versteckten Tabletten, sondern daran, dass er g’schleckert ist. 😉 Manchmal versagen die Sensoren für Giftpflanzen aber auch bei Rindern oder Pferden. Ein Bekannter hat drei Rinder verloren, die sich jungen Eibenaustrieb einverleibt hatten – nichts mehr zu machen. Wie gesagt, es passiert nicht so oft wie man denken würde, aber es passiert.

      Viele Grüße,
      Doris

  3. Posted by Christiane on 13. Oktober 2013 at 15:40

    Ich hatte wunderschöne Herbstzeitlose im Garten, leider sind sie nach zwei Jahren nicht mehr wiedergekommen. Liebe Grüße aus dem Bergischen

    • Hallo Christiane,
      wie schade! Herbstzeitlose werden übrigens über Ameisen verbreitet. Mach ihnen doch mal eine Autobahn frei in Euren Garten. 🙂

      Liebe Grüße,
      Doris

  4. Hallo Doris, dankeschön für die feine Lehrstunde über die Herbstzeitlose. Hatte sie schon für Krokusse gehalten 😉 Aber weißte was ich am besten fand? Den dicken, blonden Brummer, der so genüsslich an der Wiese knabbert 😀 😛

    Liebe Grüße und eine tolle Woche
    Sigi

    • Hallo Sigi,
      der dicke blonde Brummer ist super, gell? Es sind zwei Brummer, eigentlich, die den ganzen Sommer und Herbst auf dieser Wiese unterwegs sind (die ist riesig), zusammen mit ein paar Schafen. Ich schau immer gern mal vorbei, weil ich große Kaltblutpferde gern mag.
      Die Herbstzeitlose sieht ähnlich aus wie ein Krokus, stimmt, gehört aber zu einer anderen Pflanzenfamilie. Auf die Krokusse müssen wir noch ein bisschen warten. 😉

      Dir eine tolle Restwoche und viele Grüße!
      Doris

  5. Hallo Doris
    Wieder ein ganz toller Bericht, deine Art zu schreiben einfach genial. 🙂
    Beim Bärlauch pflücken passe ich schon auf , der Bärlauch wuchert gerne aus dem Wald in Richtung Wiese aber so wie du ja schon schreibst sehr selten.
    Wünsche dir eine schöne Woche
    Gruß Claudia

    • 🙂 Dankeschön!
      Ich bin beim Bärlauchpflücken auch eher vorsichtig, auch wenn es manchmal verführerisch ist, einfach blind zu ernten, wenn so viel Bärlauch da steht …

  6. Ein so schön geschriebener Beitrag über diese Herbstschöne! Danke und Grüße Ghislana

    • Danke, Ghislana! Es freut mich, wenn Dir der Beitrag gefällt. Das tierische Modell macht halt schon echt was her …

Kommentare sind geschlossen.

%d Bloggern gefällt das: